MEDIA & MEDIEN
Ringier testet Mitmach-Web
Internet Youme.net nennt sich ein neues Schweizer Web-2.0-Projekt. Dahinter steckt der Ringier-Verlag.
Videoclips, Blogs oder Online-Börsen ziehen die Internet-Gemeinde in ihren Bann. Immer mehr Startups setzen auf das Mitmach-Web mit der Ambition, kurz nach Lancierung an einen Giganten wie Google verkaufen zu können. Von diesem Hype möchte auch das Schweizer Startup Freeflow profitieren. Mit Youme.net lanciert das Unternehmen ein so genanntes Social Network, eine eigene Interpretation der bekannten US-Vorbilder MySpace und YouTube.Ringier unterstützt das Projekt mit einer Summe im sechsstelligen Bereich. Ziel des grössten Verlagshauses der Schweiz ist es, Erkenntnisse über das Online-Nutzungsverhalten der jungen Generation zu erhalten. Dass Ringier in ein Risikounternehmen Geld investiert, überrascht nicht, denn Innovationen im Online-Bereich liegen für dieses Jahr ausdrücklich auf der Strategielinie des Verlages. Verleger Michael Ringier erklärte im vergangenen Herbst, dass man die Digitalisierung stark vorantreiben werde und künftig von der «Lücke zwischen Internet-Nutzung und Internet-Werbegeschäft» profitieren wolle.
Laut Ringier decken heute 20 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ihren Medienkonsum mit dem Internet, doch weniger als 5 Prozent des Werbegeschäfts kommen aus dem Web. Projekte wie Youme.net bieten sich deshalb an, da klassische Medien sich über kurz oder lang neu positionieren müssen. «Wir wollen lernen, mit User-zentrierten Plattformen umzugehen, und erhoffen uns auch Zugang zu neuen Zielgruppen», sagt dazu Andreas Waldis, Leiter neue Medien bei Ringier.
Die neue Online-Plattform Youme.net ist für die Schweiz derzeit wohl einzigartig. Das Projekt ist kein Klon bestehender Modelle. Wie bei den gängigen Angeboten im Internet können sich zwar die User mit allen möglichen Interaktionstools in Szene setzen. Doch Youme.net-Gründer Marcel Meier geht noch einen Schritt weiter. Er will mit den Usern zusammenarbeiten und zählt darauf, dass diese selber aktiv werden, sich zu gleichgesinnten Gemeinschaften verbinden und nicht als blosse Konsumenten im Netz vegetieren. Er unterhält ein derzeit sechsköpfiges Redaktionsteam, die meisten im Teenageralter. Dieses moderiert das Treiben auf der Plattform.
Crossmediale Vermarktung
Youme.net funktioniert über Themenanreize. Die Macher fordern Teilnehmende zum Beispiel auf, zu Themen aus den Bereichen Entertainment, Sport oder Beruf und Ausbildung selber verfasste Beiträge aufs Netz zu stellen. So lockt Youme.net zum Beispiel mit dem Aufruf «Bring die Schweiz zum Lachen» Leute auf die Plattform und sucht auf diesem Weg die besten Videos zum Thema Comedy in der Schweiz. Sind die Beiträge nach einigen Wochen verlinkt, kommentiert und von der Community bewertet, will Meier die besten Beiträge in die klassischen Medienkanäle bringen und die entsprechenden Inhalte crossmedial an verschiedene Medienpartner verkaufen. So rechnet er sich aus, dass beispielsweise Porträts von Teilnehmern in Zeitungen, Reportagen im Fernsehen und Events, wo etwa der beste Nachwuchs-Komiker gewählt würde, die Werbetreibenden interessieren dürften.
Meier will sein Projekt nicht als blosse Talentschmiede verstanden wissen, sondern sieht seine Plattform als Pool für Ideen und Storys. «Wir sind als Medienpartner an den Inhalten interessiert, die da entstehen», sagt dazu Andreas Waldis. Gründer Marcel Meier ist überzeugt, dass die Leute dank der Technologien in Handys und Notebooks mehr und mehr zu Produzenten ihrer eigenen Ideen werden.
Ein weiteres Novum der Plattform ist ihre Mobilität: Um nahe am Geschehen und beim anvisierten Publikum zu sein, ist das Team laufend mit einem Glascontainer unterwegs. Derzeit steht das Ding auf dem Gelände des Museums für Gestaltung in Zürich. Alle sechs Wochen soll es seinen Standort dorthin wechseln, wo gerade die Geschichten passieren, welche die User produzieren. Denn sticht ein Teilnehmer mit seinem Beitrag aus der grauen Masse, so nimmt dies das Redaktionsteam mit einer Reportage oder mit einem Porträt weiter auf und sucht die Verbreitung in den Medien. Wer etwas zu sagen hat, bekommt also die Chance, «berühmt» zu werden. Meier hat die Net-Generation im Fokus, jene Zielgruppe Technologie-affiner Leute, die heute spielend mit Handys Filme produzieren, sich in Blogs unterhalten und keine Informationshierarchien mehr kennen. In der Regel sind es Leute zwischen 18 und 29 Jahren.
Netzwerk steht bereits
Meier und sein Team kümmern sich auch um Medienpartnerschaften und Kampagnen und können bereits auf ein grosses Netzwerk von Bürgerjournalisten zurückgreifen, das sich über die ganze Schweiz erstreckt. Laut Meier könne sein Projekt bereits vor dem Start auf 40 bis 50 so genannte Heavy-User zählen, die Inhalte produzierten. Im ersten halben Jahr will das ehrgeizige Experiment 25000 aktive User an die Plattform binden.
Dem Unternehmen erwächst aber auch Kritik. Nicolas Berg, Journalist und Firmengründer, unterstützt als Investor Jungunternehmer im Bereich Internet. Er steht dem Youme-Projekt eher kritisch gegenüber. Berg spricht vom ausufernden Angebot von Party- und Dating-Plattformen. Solche Websites entsprächen viel eher dem Hauptinteresse der jungen Zielgruppe. «Die Plattform muss sich, um an User zu kommen, thematisch von anderen Plattformen klar abgrenzen.»
Christian Lüscher
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