Snap Film startet das neue Jahr im Kino
Premiere bei Snap Film. Die Zürcher Filmproduktion von Michael Kindermann hat sich an einem Kinofilm beteiligt. Am 6. Januar startet «Sunny Hill» im Lunchkino im Zürcher Arthouse Le Paris und weiteren Kinos in der Schweiz. Die Werbewoche hat Luzius Rueedi von Snap Film über die Hintergründe zu seinem ersten Spielfilm befragt sowie über seine weitere Zukunft als Werbefilmer.
WW: Wie lange hat der Kampf für diesen Film gedauert?
Luzius Rueedi: Der erste Teil mit Drehbuch, Finanzierung und Preproduction ging relativ einfach, da wir keine öffentlichen Gelder beantragt haben. Es war für mich von Anfang an klar, dass wir das mit einem verhältnissmässig kleinem Budget machen und dieses Geld von privater Seite zusammenbringen müssen und können.
WW: Ist das Ihr erstes Script oder gibt es bereits frühere Filme im Fiction-Bereich?
Luzius Rueedi: «Sunny Hill» ist mein erster Langspielfilm. Ich habe davor sechs Kurzfilme gemacht. Kurzfilme sind für mich Fingerübungen und für mich war immer klar, dass mein Weg zum abendfüllenden Spielfilm führt. Gleichermassen mache ich weiter gerne Werbung. Dies ist sozusagen der perfekte Ausgleich zu den mittel- bis langfristigen Spielfilmprojekten. Ausserdem habe ich in der Werbung vieles gelernt was mir nun im Spielfilmbereich zu gute kommt. Ich verdanke der Werbung und meiner Produktion Snap Film viel.
WW: Wie wurde der Film finanziert?
Luzius Rueedi:
Wie oben erwähnt privat. Dazu kommen die Produktionsfirmen Das Kollektiv und Snap Film. Besonders die Unterstützung von Michael Kindermann von Snap Film hat mich sehr gefreut, denn ich arbeite als Werberegisseur für Snap Film und Spielfilm ist ja nicht unbedingt das „Corebusiness“ von Snap Film als Werbeproduktion. Aber man darf auf keinen Fall vergessen, dass die effektiven Kosten nur so «tief» gehalten werden konnten, weil alle Beteiligten auf Rückstellung gearbeitet haben. Ausserdem bekamen wir wirklich grossartige Unterstützung von On Line Video 46, Hastings und Jingle Jungle, welche ebenfalls auf einen grossen Teil ihrer Forderungen verzichteten. Nun hoffen wir natürlich, dass „Sunny Hill“ zumindest einen Teil der Kosten wieder einspielt, damit wir allen Beteiligten etwas zurückgeben können. Der Kinostart von „Sunny Hill“ ist demnach schon ein guter Anfang.
(Bild: Luzius Rueedi)
WW: «Sunny Hill» handelt von einem kollektiven Selbstmord von sechs Jugendlichen. Wieso wollten Sie diesen Film mit einem so schwierigen Thema unbedingt machen?
Luzius Rueedi:
Aus verschieden Gründen. In erster Linie muss mich ein Thema faszinieren und ich muss unbedingt diese Geschichte erzählen wollen, denn der Weg von der Idee bis zum fertigen Film ist ein langer und mitunter sehr beschwerlicher. Wenn da die Energie und Faszination nach ein paar Monaten nachlässt, wird es für alle Beteiligten sehr anstrengend. Bei der Auswahl von Themen geht es mir immer um einen gewissen Zeitgeist, um eine gewisse Notwendigkeit und darum, dass eine Geschichte einen universellen Kern hat, etwas Existenzielles.
Bei meinem Erstling wollte ich zudem ein Thema aufgreifen, welches für mich eine Dringlichkeit hat. In meinem Bekannten- und Verwandtenkreis habe ich zwei Suizide und mehrere Suizidversuche erlebt. Suizid ist gerade in der Schweiz und in Mittel- und Nordeuropa ein grosses Thema, welches aber aus verschiedenen Gründen immer noch tabuisiert wird. Es bestehen immer noch viele Berührungsängste, dabei denke ich, dass wenn man offener damit umgehen würde, könnte man vielleicht den einen oder anderen Suizid vermeiden.
WW: Was ist das Positive am negativ belasteten Thema?
Luzius Rueedi: Suizid ist negativ belastet und das ist der Grund wieso es tabuisiert ist. Nun ist natürlich nichts Positives an der Tatsache, wenn sich jemand das Leben nimmt. Aber man muss wissen, dass die Fähigkeit des Menschen sich mit seinem eigenen Leben und Sterben auseinanderzusetzen auf der Fähigkeit des Bewusstsein basiert. Das Bewusstsein ist der Hauptunterschied zwischen Mensch und Tier und somit für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft verantwortlich. Was mir sehr wichtig war bei der Bearbeitung dieses Themas, ist nicht zu werten. Das heisst, ich wollte nicht ver- oder beurteilen. Es gibt sehr viele Gründe wieso jemand nicht mehr leben will und anstatt zu verurteilen, sollte man versuchen zu verstehen. Den nur durch Verständnis kann sich jemand öffnen und vielleicht wieder eine Perspektive aufbauen. Ich bin überzeugt, dass gerade die Tabuisierung des Suizids, welche in religiösen, aber auch weltlichen und gesellschaftlichen Kreisen vorherrscht, sehr viel mit Angst zu tun hat. Es ist eine Vorverurteilung, welche einen Menschen der Suizidgedanken in sich trägt, zusätzlich ausgrenzt und als schwach bezeichnet. Dabei braucht es wohl ziemlich viel Mut sein eigenes Leben zu beenden. Und oft wird dieser «Mut» gesteigert durch Ausgrenzung, sozusagen der «Mut der Verzweiflung». Dabei ist die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Konsequenz des eigenen Sterbens erwiesenermassen normal und sogar gesund. Erst wenn es in Todessehnsüchten, Planung oder sogar einem Suizidversuch endet, wird es problematisch oder pathologisch.
WW: Ist es nicht trotzdem ein grosses Risiko, mit einem gleich mehrfachen Selbstmord-Thema das Publikum in seiner Freizeit ins Kino locken zu wollen?
Luzius Rueedi: Das Risiko war und ist mir bewusst. Viele lassen sich von dem Überthema Suizid abschrecken. In «Sunny Hill» geht es jedoch mehr um die Gruppendynamik und das Warum. Man muss sich vorstellen, sechs Unbekannte treffen aufeinander, um den intimsten Moment in ihrem Leben zu teilen. Wieso tun sie das? Jeder hat einen verschieden Grund. Dem Einen fehlt der Mut, eine andere möchte nicht alleine sterben, ein Dritter hat Angst. Ihnen gemein ist, dass sie es wohl alleine nicht tun würden und denken in der Gruppe übernimmt dann schon jemand die Verantwortung. Durch die gemeinsame Reise, durch die fast schon ferienähnliche Stimmung, welche aufkommt und die Auseinandersetzung mit Menschen in derselben Situation ändern sich die Absichten. Ich habe selber in schwierigen und schmerzhaften Situationen in meinem Leben gemerkt, dass oft eine zeitliche, räumliche und gesellschaftliche Distanz vieles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Insofern erzählt „Sunny Hill“ mehr von Hoffnung und Neuanfang als von Suizid und Tod.
WW: Wer soll mit dem Film angesprochen werden?
Luzius Rueedi: Ich denke, durch das existentielle Thema, können sehr viele Menschen angesprochen werden. Für mich persönlich hat sich ein Traum bereits erfüllt. Achaos, welcher «Kinokultur in der Schule» vertreibt (www.achaos.ch), bringt «Sunny Hill» an die Schulen und hat zur Nachbearbeitung des Themas «Suizid» in der Klasse, eine umfangreiche Dokumentation zusammengestellt. Bei der Entwicklung von «Sunny Hill» waren gerade die erschreckenden Zahlen des «Jugendsuizid» ein wichtiger Punkt.
WW: Was sind bisherige Reaktionen bei den Vorführungen?
Luzius Rueedi: Vorwiegend gut bis sehr gut. Natürlich gibt es Vorbehalte. Erste Reaktionen und Erfahrungen haben wir schon anlässlich der Filmtage in Solothurn 2009 sammeln können, da dort «Sunny Hill» zusätzlich in vier Schulvorstellung gezeigt wurde. Die Reaktionen und Gedanken der Schüler waren sehr interessant. Gerade weil wir versucht haben, den Fokus nicht auf den Tod und den Akt des Suizides zu legen, gab es Reaktionen, welche uns eine Ernsthaftigkeit absprachen. Wobei die negativen Reaktionen bis jetzt eindeutig in der Minderheit sind. Was wir gemerkt haben ist, dass entweder gefällt der Film oder er gefällt nicht. Ein «Nett» habe ich bis jetzt nicht gehört und darüber bin ich froh. Denn das bedeutet, dass wir etwas gewagt haben und uns war von Anfang an klar, dass wir nicht um jeden Preis allen gefallen wollen. Interessant wird der Kinostart, denn schlussendlich entscheidet der Zuschauer und somit der Markt. Wobei für einen kleinen Film wie „Sunny Hill“ ist es bereits ein Erfolg, dass er in inzwischen 7 Städten (Zürich, Bern, Basel, Winterthur, Chur, Schaffhausen und Rapperswil) ab Januar 2010 ins Kino kommt.
WW: Wie geht es mit der Karriere von Rueedi weiter?
Luzius Rueedi: Für mich ist klar, dass ich weiter Spielfilme machen will und ich bin auch an meinem zweiten Projekt und habe weitere Geschichten in der Vorbereitung. Aber ich werde auch wieder vermehrt Werbung machen, da es eine kreative Herausforderung ist packende Geschichten in 20 oder 30 Sekunden zu erzählen und ich auch die Dreherfahrung sehr schätze. Ausserdem finde ich Werbung auch vom psychologischen Aspekt her sehr interessant. In der Schweiz bin ich weiter bei Snap Film und im Ausland - ich lebe in Berlin - vertritt mich Agent Daddy.
WW: Was für Erfahrungen aus dem Arbeiten als Werbefilmer haben Sie für diesen Spielfilm nutzen können?
Luzius Rueedi: Viele. Es ist klar, dass ein Spielfilm etwas ganz anderes ist als eine Werbung. Aber ich habe sehr viel Dreherfahrung in der Werbung gesammelt und quasi mein ganzes Team von „Sunny Hill“ habe ich auf der Werbung kennen- und schätzen gelernt. Allen voran Michael Kindermann von Snap Film und Marco Barberi als Kameramann. Ausserdem habe ich viel gelernt, als ich während meinem Jurastudium bei Pumpkin Film in der Produktion gearbeitet habe und später zwei Jahre in Brasilien in der Line Production tätig war.
WW: Wie geht es mit Werbung weiter?
Luzius Rueedi:
Nach der kleinen Pause, werde ich nun wieder vermehrt Werbung machen, wobei der Markt schwieriger wurde. Ich stelle auch in Deutschland fest, dass die Krise eine grosse Unsicherheit hinterlassen hat und nach wie vor vertraut man ausländischen Regisseuren mehr zu als den Einheimischen, obwohl ich sicher bin, dass die das mindestens so gut hinkriegen würden. Ich wünschte mir manchmal ein bisschen mehr Mut. 2010 startet aber schon recht gut, mit Snap Film habe ich zwei Anfragen und die Reaktionen der Werbebranche auf «Sunny Hill» sind sehr positiv und vielversprechend.
(Interview: Andreas Panzeri)


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