«Die Lehre vom Schnitzel und vom Kalb»
Karl Lüönd mag Lobesworte nicht allzu sehr. Er sagt dann etwa: «Ja ja, es war schon immer mein Ziel, den Nachruf auf mich noch zu Lebzeiten zu hören.»
Ich versuche es trotzdem: Karl Lüönd wird verkannt von jenen, die Vorurteile pflegen und nie die Chance hatten – oder diese nicht nutzten –, ihn persönlich kennen zu lernen. Ich stelle ihn deshalb etwas vor und habe mich dazu, wie er es gern und treffend macht, auf die Suche nach einem Bild aus der Tierwelt gemacht.
Karl Lüönd, der Journalist
Mir sagt er beispielsweise ziemlich oft: Ihr müsst nicht nur Eier legen, sondern auch gackern. Zu mir mag das Bild passen, aber zu Karl? Eier legt er viele – und er verkauft sie auch gut.
Wie wäre es mit dem Jagdhund? Ein vertrautes Bild für Karl Lüönd, seit Jahrzehnten. Nicht nur als Jäger. Nein. In seinem ersten Anstellungsvertrag beim Luzerner Tagblatt heisst es wortwörtlich: «Karl Lüönd wird als Jagdhund eingestellt.»
Doch ist das wirklich das treffendste Bild aus dem Tierreich?
Karl Lüönd selbst wählt in einer seiner Kolumnen das Bild der Feldhasen für Journalisten. Weil sie so konservativ sind und sich schlecht an neue Bedingungen gewöhnten, seien sie, wie die Feldhasen, vom Aussterben bedroht. Karl Lüönd ist zwar Journalist, das wird niemand bestreiten, aber ein Feldhase ist er nicht. Nein. Er wandelt sich und ist stets bei aller Aktualität dabei. «Es gibt ein Menschenrecht auf Veränderung», dies eines seiner Lebensmottos.
Bleibt – das Wildschwein. Es ist gescheit, hartnäckig, stark. Es pflügt dort, wo man es als direkt Be-troffene meist nicht gern hat. Und es ist eine Delikatesse. Das wussten schon Asterix und Obelix.
Doch wer es nicht kennt, verkennt es. Genau wie man Karl Lüönd verkennen kann, wenn man ihn nicht kennt. Er kennt das Wildschwein und weiss, dass der Vergleich höchste Wertschätzung bedeutet.
Als ich Karl Lüönd kennenlernte und Kollegen von ihm erzählte, da hiess es oft: Was, du arbeitest mit Karl Lüönd, Karl Lüönd ist Dozent am MAZ? Dä Kari Lüönd?
Ich kannte damals nur einen. Den Karl Lüönd eben. Und ich gestehe, auch ich näherte mich ihm mit einer gewissen Skepsis an, sein Name war verhängt mit Ursula Koch, mit Walter Frey, mit Züri Leu und Züri Woche. Wir hatten das politische Heu nicht auf der gleichen Bühne.
Doch schon in der ersten Begegnung nimmt er mich für sich ein. Ich lerne einen der unabhängigsten Menschen kennen, einen Menschen ohne Denkbarrieren, ohne ideologische Schranken, einen Menschen, der nicht in Schubladen denkt – und sich selbst noch viel weniger in eine stecken lässt.
Mittlerweile kenne ich verschiedene Karl Lüönds.Da ist logischerweise Karl Lüönd, der Journalist. Seine Beruflaufbahn beginnt früh, schon im Kollegi in Altdorf. Die erste Anstellung hat er – eben in Luzern –, wie wir nun wissen, als Jagdhund beim der FDP nahestehenden Tagblatt. Später dann ist er Zentralschweizer Korrespondent des Tages-Anzeigers, bevor er sieben Jahre beim Blick in der Leitung und als Chefreporter amtet und dabei Serien wie Spionage und Landesverrat in der Schweiz schreibt. Dann wird er Chefredaktor des Züri Leu und der Züri Woche, bei der er auch als Mitherausgeber fungiert. Aktuell ist er noch Chefredaktor von Jagd und Natur und Herausgeber des Schweizer Journalist.
Der Journalist Lüönd hat ein profundes Medienwissen und ein gutes Gedächtnis dazu. Das hilft ihm, Dinge zu vernetzen und auch in der Mediengeschichte einzuordnen – eine leider allzu seltene Gabe. Er schreibt enorm schnell – ich kenne keinen Schnelleren – und formuliert dennoch bildhaft. Zum Beispiel: «Es ist mit Zeitungen wie mit Katzenfutter: Derjenige, der es frisst, ist nicht identisch mit dem, der dafür bezahlt.»
Karl Lüönd, der Buchautor
Dann gibt es Karl Lüönd, den Buchautor. In den Buchhandlungen stehen Dutzende von Karl Lüönds Büchern. Biografien wie jene von Emil Frei, Kuoni, Ringier und Gottlieb Duttweiler, aber auch kleine witzige Werke, wie. z. B. «Hagenbuchs Tierleben», geschrieben von einem Hubert Hagenbuch...
Um die Kombination dieser beiden Karls, des Journalisten und des Buchautors, geht es heute, um sein neustes Werk «Die Macht und die Ehrlichkeit.» Auf über 200 Seiten finden sich Kolumnen aus dem Medienzirkus – es sind Porträts, Analysen, Kommentare und ausgewachsene geschichtliche Essays – erschienen zwischen 1999 und 2009 in Tages- und Wochenzeitungen sowie Magazinen.
Sie zeigen Karl Lüönds journalistische Hauptinteressen: Journalismus, Politik, Geschichte. Und erstaunlich nur am Rand: die Jagd. Man spürt es durch und durch: Er liebt seinen Beruf. Und deshalb kritisiert er ihn und geht teils so schonungslos mit ihm und damit eben den Journalisten und Verlegern um.
Ein Kapitel im Buch heisst «Journalistenbeschimpfung». Es geht über 14 Seiten und trägt den Untertitel: «Warum es so leicht ist, Wahrheitsfanatiker anzulügen.» Ein anderes heisst: «Fassadenreiniger und Leichenschminker». Hier geht es um zu viel Nähe, Einbettung, PR und Journalismus. Und immer wieder um den Besitz der Deutungsmacht. Er kritisiert die Inkompetenz vieler Journalisten, spricht von «politischen Amöben» in Redaktionen und meint, dass es keinesfalls überraschend sei, dass «Journalisten ein Sozialprestige hätten wie Bordellpianisten».
Lesen kann man da auch Sätze wie: «Früher hat man das Korruption genannt. Heute nennen sie es Journalismus.» Oder: «Das Kernproblem ist: Statt Handwerk – genau hinschauen, zweifeln, absichern, nachbohren - wird voreilig Meinung produziert. Damit geht der Reflex für attraktive, aber quer liegende und folglich ‹verbotene› Themen verloren.»
Immer sind seine Kolumnen gescheit. Und oft, sehr oft auch zum Schmunzeln. Etwa wenn er die Medienwirtschaft unter dem Titel die «Lehre vom Schnitzel und vom Kalb» beschreibt. Dahinter steckt u. a. ein Plädoyer für Freie bzw. den fairen Umgang mit ihnen. «Ich staune immer wieder, wie häufig unsere Verleger Kälber kaufen und wie kleinlich manche um die Schnitzelpreise feilschen.»
Die Kolumnen sind aber auch eine Fundgrube für die Schweizer Mediengeschichte und ebenso wunderschöne Zeitbilder. So beschreibt er 2007 seine Gedanken über die Möglichkeiten des Laptops. Er erklärt detailliert und fasziniert, wie er im Tessin arbeitet und sein Gesprächspartner Mails in Bulgarien auf dem Telefon lesen kann. «Mit einem speziellen Programm kann er sie aus der Luft holen.»
Und schliesslich sind die Kolumnen immer wieder auch Sprachlektionen. Sinnlich und aufrüttelnd zugleich. Die oft gehörte Formulierung «...so und so viele weitere Bootsflüchtlinge werden vermisst» kommentiert er: «Als ob in dieser schrecklichen Welt jemand Bootsflüchtlinge vermissen würde.»
Als ob in dieser schrecklichen Welt jemand Bootsflüchtlinge vermissen würde – das ist eben Karl Lüönd, DER Karl Lüönd.
Karl Lüönd, der inspirierende Freund
Daneben gibt es noch den Dozenten, Berater und Netzwerker, den Jäger, Ästheten und grossen Kunstsammler. Und natürlich: Karl Lüönd, den inspirierenden, verlässlichen Freund. Wer ihn überzeugt, mit einer Idee oder als Mensch, dem öffnet er alle Türen, dem gibt er sein Wissen weiter, dem sagt er seine Bedenken, übt aufbauende Kritik im allerbesten Sinn. Bei Anfragen stellt er sich selbst zuerst drei Fragen: Macht es Sinn? Macht es Spass? Bringt es etwas ein? Kann er zwei dieser drei Fragen bejahen, interessiert ihn die Aufgabe.
Das neue Buch mit Mirjam Engler vom Ruegger Verlag zu machen, hat ihn, zu unserem Glück, interessiert. Und es hat Spass gemacht. Oder bringt etwas ein???
Das Buch ist fast wie eine direkte Begegnung mit Karl Lüönd: anregend, lehrreich und gleichzeitig unterhaltend. Unterstützt durch Nicos feine Karikaturen und Constantin Seibts Porträt – einem typisches Seibt-Porträt eben –, wird es zum grossen Lesegenuss.
Und letztlich beweist das Buch eines: Es gibt eben doch nur den einen Karl Lüönd, DEN Karl Lüönd, den Vollblutjournalisten, der auch nach über vierzig Berufsjahren nichts an seiner Leidenschaft eingebüsst hat. Der lebt, um zu schreiben. Mehr als dass er schreibt, um zu leben.
Ich danke dir lieber Karl, dass du für uns Delikatessen gejagt und ausgegraben hast und uns mit und dank Miriam Engler dieses Buch schenkst.
Ich höre auf mit einem Aufruf von Karl Wittgenstein, den Karl Lüönd mag: «Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.»
Ich schweige jetzt. Und gebe das letzte Wort an unseren Autor. Und der antwortet Wittgenstein: «Doch wer hört schon zu, wenn einer schweigt?»
KARL LÜÖND
Die Macht und die Ehrlichkeit
Kolumnen aus dem Medienzirkus mit Zeichnungen von Nico und einem Porträt des Autors von Constantin Seibt.
Umfang: 232 Seiten, broschiert
Preis: Fr. 28.00
ISBN-Nr.: 978-3-7253-0947-4
Verlag Ruegger Zürich
Blendend informiert, rücksichtslos offen und mit sarkastischem Witz: Seit Jahren schreibt Karl Lüönd mit dem Erfahrungshintergrund von vier Jahrzehnten als Reporter, Chefredaktor und Verleger Schweizer Mediengeschichte(n). Zugleich führt er mit seiner Arbeit vor, was der wirkliche Ausweg aus der Krise der Publizistik wäre: Unabhängigkeit, Sachkenntnis, Zusammenhangswissen, Verständlichkeit, Leselust. In einem Wort: journalistische Qualität.
In diesem Buch wechseln indiskrete Porträts von Beat Curti bis Jürg Marquard ab mit historischen Essays von bleibendem Wert, zum Beispiel über die wahre Entstehungsgeschichte der Gratis-Tageszeitungen. Starreporter Constantin Seibt stellt den mehrfach preisgekrönten Autor in einem Porträt-Nachwort vor, und Nico karikiert die Verhältnisse bis zur Kenntlichkeit.
Geschenk für unsere Leser
Wir verlosen fünf Exemplare des neuen Buches von unserem Kolumnisten Karl Lüönd. Senden Sie ein Mail an d.haemmerle@werbewoche.ch mit dem Betreff «Buch» und Sie nehmen an der Verlosung teil. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
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